Sonntag, 5. Juli 2015

Open (Desp)Air Klassik am Gendarmenmarkt



Wahrscheinlich war ich in meinem Leben schon bei mehreren hundert klassischen Konzerten. Aber wenn ich mich recht entsinne, war es heute das erste Mal unter freiem Himmel. Classic Open Air. Was für Erlebnis. Der Gendarmenmarkt ist abgesperrt wie zu einem Staatsbesuch. Aber ist man erst einmal hinter den dreckigweißen Plastiksichtblenden, stört es einen gar nicht mehr, man ist ja schließlich drinnen und nur die da draußen haben das Problem mit der schlechten Aussicht. Man bekommt also einiges geboten, für seine 70 EUR Eintritt. Zum Beispiel die Möglichkeit Mineralwasser des Sponsors (O-Ton des Ansagers „Ohne unsere Sponsoren wäre das alles hier nicht möglich gewesen“) zu genießen. Läppische zwei Euro für 0,2l halbwarmen Spreequells, welches Dank des Pappbechers nach selbigem schmeckte. Ich habe den Teil mit dem „Sponsor“ anscheinend nicht richtig verstanden. Im Moment merke ich nur, dass ich der Sponsor für Spreequell bin. 

Hell erleuchtet lenkt keine überflüssige Dunkelheit mich von der Schönheit des Platzes und den lautstark schreienden Plakatwänden auf Fußballstadionniveau ab, die begleitende Hintergrundmusik dazu auf der Bühne ist nett, ein Querschnitt bekannter Arien auf dem Niveau einer Klassikradio live performance. Zwischen den Reihen laufen pausenlos Herden von Menschen herum, getränkesuchende Zuhörer, Hostessen von links nach rechts und umgekehrt, Unmengen anderer Veranstalter-Mitarbeiter, die gerade nichts Besseres zu tun haben. Unterhaltungen um mich herum erfolgen dankenswerterweise nur halblaut, aber doch laut genug, dass mir die im Vergleich zur Philharmonie (naturgemäß) schwächere Akustik des Platzes nicht zu sehr auffällt, sehr mitfühlend von allen. Überraschende Sensation für mich war der (anscheinend auch ansonsten noch nicht so bekannte) rumänische Tenor Remus Alazaroaie, es gibt nur wenige Tenöre, die ich wirklich gerne höre, seine weiche und warme Stimme packte mich jedoch sofort, da verzeiht man gerne einen Ansatzfehler. Also Namen unbedingt merken.

In der Pause genoss ich den Anblick der Mitarbeiter der Getränkestände: mehr Entspannung und Gelassenheit habe ich selten spüren können bei Menschen, die nur 15 Minuten Zeit hatten, hunderte von Gästen mit Getränken zu versorgen, vorbildlich. Aber die Wartenden in den Schlangen vor den Buden hatten überraschenderweise viel weniger ZEN-Gesinnung als die Angestellten und verzichteten lieber reihenweise auf den Kauf der Getränke. Mir tat da der „Sponsor“ schon ein bisschen Leid, der dadurch auf einen guten Teil seiner möglichen Einnahmen verzichten musste.

Ute Lemper nach der Pause sollte das Highlight sein, aber mir hat ihre gequetschte Stressstimme noch nie gefallen, sondern mich immer eher nervös gemacht.

Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Aber der Mensch ist, was seine Erwartungen aus ihm machen. Also schwenke ich um und genieße den Abend als Erfahrungspunkt: Open Air und Klassik ist in für mich keine schöne Kombination. Und auch Klassikradio hört sich zu Hause einfach besser an. Und zum Schluss wurde es auch noch richtig unterhaltsam, als die Gäste aufgrund des herannahenden Sturmes scharenweise aufstanden und vorzeitig, fast panisch raushetzten. Der Regen setzte erst zehn Minuten nach Ende des (verkürzten) Konzerts ein. 

Schade eigentlich.

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